Die sozialistischen Parteien könnten sich eigentlich auflösen

Mit dieser Aussage überraschte der renommierte Historiker und Politologe Prof. Dr. Dr. Heiner Timmermann in einem Vortrag beim jüngsten Klubtreffen von ab5zig11. Timmermann, der an der Universität Jena unterrichtet und als Experte für europäische Geschichte ein gefragter Redner bei Symposien ist, hatte sich zwischen Terminen in Wien auf Einladung von Bezirksobmann Dr. Erich Wendl etwas Zeit für die Simmeringer Senioren genommen. Er analysierte im Blick auf die derzeitigen Koalitionsverhandlungen die Standorte der politischen Parteien in Deutschland.

Zur aktuellen Situation der Regierungsbildung in der Bundesrepublik führte er aus, dass die zunächst geplante Jamaika-Koalition zwischen CDU/CSU, FDP und Grünen keine Chance hatte, weil es zwischen den einzelnen Flügeln der Grünen und der FDP zu große Unterschiede gibt. Als schwierig bezeichnete er auch die gegenwärtigen Verhandlungen zwischen Angela Merkel und Martin Schulz.

Zunächst hat Schulz den Fehler begangen, eine Neuauflage einer großen Koalition auszuschließen. „So etwas darf man in der Politik eigentlich nie sagen,“ meint der Professor und weist außerdem auf die allgemein schwierige Lage der Sozialdemokratie in Europa hin. „Eigentlich könnte sich die SPD auflösen. Sie hat ihre Gründungsziele – nämlich die Lebensumstände der Arbeiterschaft zu verbessern – längst erreicht. Trotzdem zeigt sie kein Interesse, neue Wege zu beschreiten. Sie beharrt auf alten Doktrinen und zieht bei allen Verhandlungen immer wieder rote Linien, die Kompromisse erschweren.“

Zur AfD sagt Timmermann, dass diese per se noch keine Nazi-Partei sei. Es gab und gibt in Deutschland wesentlich gefährlichere Rechtsparteien. Dieses Potential könnte problematisch werden, wenn es CDU/CSU nicht gelingt, die Menschen zu erreichen, die zu rechtsextremen Zielen tendieren.

Für Österreich und die bevorstehende türkis-blaue Regierung sieht Prof. Timmermann im Blick auf die allgemeine Akzeptanz in der EU übrigens keine Probleme. Österreich gilt dort als etabliertes und konstruktives Mitglied. Daran wird sich auch mit der neuen Regierungskonstellation nichts ändern.

Prof. Heiner Timmermann, der mindestens zweimal pro Jahr in Wien ist, um Vorträge an der politischen Akademie zu halten, fand bei dem gut besuchten Klubtreffen eine mehr als interessierte Zuhörerschaft. Hätten er und Dr. Wendl sich nicht schon lange Zeit aus der Zusammenarbeit im Rahmen der Europäischen Akademie gekannt, wäre der Besuch sicher nicht zustande gekommen. Dass eine internationale Kapazität, die auch durch zahlreiche Publikationen Aufsehen erregt hat, ausgerechnet zu einem Treffen von Senioren nach Simmering kommt, ist ein weiteres Highlight unter den erfolgreichen Veranstaltungen von ab5zig11 in diesem Jahr.

Bildschirmfoto 2017-12-13 um 12.55.15Im Interview mit Gerhard Dalla-Bona fasst der Politologe einen Teil seiner Aussagen noch einmal kurz zusammen und beweist auch dabei seine Fähigkeit, komplizierte Zusammenhänge allgemeinverständlich darzustellen. Er gibt dadurch seinen Zuhörern auch die Möglichkeit mitzudenken und eigene Schlüsse zu ziehen. Wohl auch deshalb beendet er seine Antwort auf die Frage nach dem im Vortrag beschriebenen Niedergang der Sozialdemokratie in Europa schlicht mit einem Fragezeichen.

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